Magdeburger Spuren, Nr. 403

Nikolaus von Amsdorf schreibt an den Rat der Stadt Magdeburg und bringt seine Zweifel an der Glaubenstreue des Rates zum Ausdruck. Er hofft, dass sie zum wahren Evangelium finden werden, Eisenach, 29. August 1554.

Die Quelle

Das unter der Signatur „Sächsisches Staatsarchiv, 10024 Geheimer Rat (Geheimes Archiv), Loc. 08947/14.“ im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden aufbewahrte Dokument ist Teil einer Akte mit dem Titel „Magdeburger Kirchenordnung“. Sie überliefert Material zur geplanten neuen Kirchenordnung Magdeburgs.

In dieser Akte befinden sich die Abschriften dreier Briefe des Lutherfreundes und ehemals ersten Magdeburger Superintendenten Nikolaus von Amsdorf, in denen er sich zur neuen Kirchenordnung äußerte. Zwei sind an die Pfarrer der Stadt gerichtet (siehe Magdeburger Spuren Nr. 401 u. 402) und der dritte, hier vorgestellte, an den Rat der Stadt Magdeburg.

Die Akte ist foliiert und die Abschrift des Briefes steht auf den Seiten 4v bis 5v. Das Dokument ist mit Tinte in einer sauber ausgeführten deutschen Kurrentschrift auf Papier geschrieben. Das Original wurde am 29. August 1554 in Eisenach verfasst. Der genaue Zeitpunkt, an dem die Abschrift angefertigt wurde, ist nicht überliefert.

Der Hintergrund

Anlass für den hier vorgestellten Brief war die Diskussion um Änderungen an der Magdeburger Kirchenordnung.

Im April 1554 wurde eine neue Kirchenordnung eingeführt. Ihr Hauptanliegen war es, das „Papsttum“ für immer aus der Stadt zu verbannen, strenge Sittenregeln durchzusetzen und mit Ordnung und Disziplin als Ergebnis einer strengen Bibelauslegung die Reformation voran zu bringen. Die herrschende Glaubensauslegung zeichnete sich durch zunehmende konfessionelle Intoleranz aus. Die neuen Regeln sahen beispielsweise vor, dass Bürger, die nicht regelmäßig das Abendmahlssakrament empfangen hatten, auf einem abgesonderten Platz des Friedhofs begraben werden sollten (3. Artikel). Auch wenn der Druck keine Verfasser der neuen Ordnung nennt, wird sie vor allem Matthias Judex (Richter) zugeschrieben, damals Konrektor des Magdeburger Ratsgymnasiums und Diakon bei Pfarrer und amtierenden Superintendenten Johann Wigand an St. Ulrich, der ebenso als Herausgeber der Kirchenordnung genannt wird. Angenommen wurde sie von der gesamten Geistlichkeit der Alten Stadt, die insgesamt den Ruf hatte, eine besonders orthodoxe Auslegung des Luthertums zu vertreten. Später wurde ihnen auch Rechthaberei und Herrschsucht vorgeworfen.

Widerstand gegen die Kirchenordnung leisteten der erzbischöfliche Offizial Curio und der Möllenvogt. Letzter soll sie zerrissen und in der Kirche mit Füssen getreten haben. Den Hintergrund bildeten die ungeklärte Haltung des Erzbistums zur Reformation und der Konflikt zwischen Erzbischof und Altstadt wegen der Hoheit über die Magdeburger Vorstädte. Am 22. September 1554 beriefen Möllenvogt, Rat und Gemeinde der Sudenburg Andreas Hoppe zu ihrem neuen evangelischen Pfarrer, der die neue Kirchenordnung für seinen Sprengel ablehnte.

Der Rat der Alten Stadt versuchte in diesem Konflikt zu vermitteln. Er war vor allem bestrebt, das angespannte Verhältnis zum Erzbischof zu verbessern. Um besser argumentieren zu können wandte man sich ratsuchend an verschiedene Geistliche, u.a. an den in Magdeburg hochangesehenen, damals aber schon in Eisenach tätigen Nikolaus von Amsdorf mit der Bitte um eine Stellungnahme.

Nikolaus von Amsdorf

Nikolaus von Amsdorf (Torgau 3.12.1483 - Eisenach 14.5.1565) stammte aus Torgau. Seine Eltern waren Georg von Amsdorf und Katharina von Staupitz. Er besuchte zunächst die Thomasschule in Leipzig, bevor er im Sommersemester 1500 er an der Universität Leipzig immatrikuliert wurde. Hier promovierte er zwei Jahre später zum Bakkalar. 1502 wechselte er an die neugegründete Universität Wittenberg, wo er 1504 den Grad des Magisters erwarb. Dort stieg er bis 1522 zum Rektor der Universität auf. Schon früh wurde er ein Anhänger Luthers und seiner Lehre. Er begleitete ihn beispielsweise 1519 zur Leipziger Disputation und 1521 zum Reichstag nach Worms.

Im Sommer 1524 übernahm er auf Empfehlung Luthers das Amt des Pfarrers an St. Ulrich in Magdeburg. Hier war er maßgeblich an der Einführung der Reformation beteiligt und wirkte als erster Superintendent der Stadt.

Den Höhepunkt seiner Karriere erreichte er 1542, als er als erster evangelischer Vertreter auf Betreiben des Kurfürsten aber gegen den Willen des Kapitels als Bischof von Naumburg eingeführt wurde. Im Schmalkaldischen Krieg wurde er durch Herzog Moritz von Sachsen aus seinem Bistum vertrieben und durch Julius von Pflug ersetzt. Danach hielt er sich zwei Jahre in Weimar auf, um dann zunächst nach Magdeburg zurückzukehren. 1552 wurde er als Superintendent nach Eisenach berufen, wo er bis zu seinem Lebensende wirkte.

Nikolaus von Amsdorf blieb bis zu seinem Tod ein streitbarer Theologe, der sich mit aller Konsequenz und zum Teil großer Heftigkeit für die Bewahrung der reinen lutherischen Lehre einsetzte und in inneren Streitigkeiten der jungen lutherischen Kirche Position bezog.

Der Brief

Der hier in einer Abschrift vorliegende Brief war an den Magdeburger Rat adressiert und fand in der Folge sicher Eingang in das Ratsarchiv. Er belegt die innerprotestantischen Auseinandersetzungen um das geistige Erbe Luthers, um die Bewahrung der „reinen Lehre“. Magdeburg war ein zentraler Schauplatz dieser Auseinandersetzung, die noch viele Jahre andauern sollte. Dieser Brief und zwei weitere Briefe Amsdorfs, die nun über die Magdeburger Spuren online zugänglich sind, belegen nicht nur die klare Haltung des Verfassers sondern auch, wie der Rat versuchte, sich durch Befragung verschiedener Personen eine eigene Meinung zu bilden. Im Falle von Amtsdorfs Antwort musste der Rat auch die spitze Feder des ehemaligen Superintendenten und Pfarrers von St. Ulrich ertragen.

Bedeutung der Quelle

Der hier in einer Abschrift vorliegende Brief war an den Magdeburger Rat adressiert und fand in der Folge sicher Eingang in das Ratsarchiv. Er belegt die innerprotestantischen Auseinandersetzungen um das geistige Erbe Luthers, um die Bewahrung der „reinen Lehre“. Magdeburg war ein zentraler Schauplatz dieser Auseinandersetzung, die noch viele Jahre andauern sollte. Dieser Brief und zwei weitere Briefe Amsdorfs, die nun über die Magdeburger Spuren online zugänglich sind, belegen nicht nur die klare Haltung des Verfassers sondern auch, wie der Rat versuchte, sich durch Befragung verschiedener Personen eine eigene Meinung zu bilden. Im Falle von Amtsdorfs Antwort musste der Rat auch die spitze Feder des ehemaligen Superintendenten und Pfarrers von St. Ulrich ertragen.

Weiterführende Literatur:

- zur Kirchenordnung:

Etliche Artickel zu notvendiger Kirchen ordnung gehoͤrig/ welcher sich die Pfarherrn vnd Diener der Kirchen zu Magdenburg/ wie sie den meisten teil bereit bisher breuchlich gewesen/ einmuͤtiglich vereiniget vnd entschlossen haben/ daruber mit Gottes huͤlffe hinforder auch festiglich zuhalten. ..., Magdeburg 1554. VD16 E 4047

https://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht/?PPN=PPN768977185

[Zugriff: 22.10.2019]

 

- zu den Personen:

Junghans, Helmar, "Judex, Matthias" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 639.

Brecher, Adolf, "Wigand, Johann" in: Allgemeine Deutsche Biographie 42 (1897), S. 452-454.

Wendorf, Hermann, "Amsdorf, Nikolaus von" in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 261

Dingel, Irene (Hrsg.), Nikolaus von Amsdorf (1483–1565): Zwischen Reformation und Politik. (Leucorea-Studien zur Geschichte der Reformation und der Lutherischen Orthodoxie 9.) Leipzig 2008.

Transkription

[fol. 4v]

Copei eynes sendbriffes des ehrwirdigen hernn Niclas vonn Amsdorff an eynen e[hrwürdigen] radt der Altenstadt Magdeburgk

Erbare unnd weyse bßundere liebe freunde, ich habe ewre schriffte mitt betrubtem  hertzenn gelesenn unnd bynn datzu hochlich erschrockenn, das ir, ßo nun Gottes wortt dreissigk jar clar, lauter unnd reyne gehortt habett, noch aller erst ann den artikelnn (ßo Gottes wortt gemeß unnd sie nymandt damitt wyderlegenn kann noch vermagk) zcweyffeltt unnd fragett, ob sie rechtt seynn, denn es ist eynn gewysse zceichenn, das ihr nichtt fest, sunder gantz schwechlich an Gottes wortt hangett unnd ich besorge, das ir euch mitt den thumbpfaffenn vorgleichenn unnd vortragenn wollett, denn

 [fol. 5r]

keynn christenn der selich werdenn gedenckt unnd Gottes wort lieb hatt, kann die artikell anfechtenn. Welche aber Gottes wort verachten und nach menschlicher vernunfftt unnd weyßheitt diese sache handelen wollen dem konnenn sie nichtt gefallenn, ßonsder werden sie verdammenn und mitt fussen tretten, wie den der schandthurn fogtt Curio unnd des hertzogenn Georgenn unseliger gedechttnuß, geist zu Dresenn, durch ewrenn molnvogtt gethann habenn, denn h[err] Gorgenn und bischoff Albrechtts geist zu Mentz gottloßer gedechtniß leben und regierenn noch, ob sie gleich gestorbenn sein, unnd gehenn gewiß damitt umb, das sie das lobliche babsthumb wyderumb auffrichtenn unnd in seynenn standt und wirde brengenn wollenn. Wollett ir nu die artikell allererst vordechtich haltenn unnd nichtt leydenn, Curion, Kummerstadt unnd Klingenn folgenn unnd horen, was die euch sagenn unnd predigenn, ßo haptt ir die rechtenn prediger das bapsthumb wyder aufftzurichtenn und dorfett ewrer frommenn gottfurchtigenn prediger nirgent zcu, habe ihnn auch geratenn, wo ihr auff die meynunge verharrenn woltt, das sie denn staub vonn ihrenn schuenn schuttelnn sollenn unnd davonn ziehenn und euch farenn lassenn unnd euch dem Curion, Kummerstadt und Klingen befehlen, die werdenn euch wol leren, das ir dem frommen hertzogen Augusto und seynenn Meyßnern gefallett, hiermitt Godt befohlenn, der gebe euch gnadt und geist, das ihr bey seynem tewrenn wortt bleybett unnd vorharrett bis ann ewer ende. |

 [fol. 5v]

Unnd lassett euch nichtt irrenn noch vorhindernn, die sussenn wortt der loßenn leuthe, ßo euch umb zceittlicher wolfahrtt wyllenn Gottes wortt unnd seyne diener zuvorlassenn unter dem schein des evangely uberredenn wollenn, Gott helffe euch in dem rechtenn erkenthnuß Jesu Christi, das ir darinn wachsett unnd zunehmett, auf das ihr nichtt vorgeblich das Evangelium gehortt unnd gegleubett unnd denn grosenn schadenn der zeittlichen guter genommenn habett. Ach liebe hernn ich bitte euch umb Gottes wyllenn, bedencktt was ihr thutt, es ist hoch von nothenn, woltt ihr anders ewre seele erretten, denn das Evangelium wyrtt vonn denn Deutzschen gewißlich wyderumb genommenn werdenn, umb der großenn undanckbarheitt wyllenn, darnach mogtt ihr euch gewyßlich richtenn unnd solchs wyrtt geschehenn unter dem schein des Evangelii, das nymandt wyrtt inne noch gewar werdenn, wie oder wen mann es verleust, darumb seitt eynfeltigk wie die taubenn unnd klug wie die schlangenn unnd stehett euch fur, das euch die listige schalckhafftige weltt nichtt uberschleiche. Hirmitt befehll ich euch Gott vonn hymmell in sein gnade unnd bitte vonn hertzenn, das er euch bey seynem reynenn wortt gnedigklich erhaltenn wolle, unnd euch behutenn und bewarenn, das ir ja nichts willigett, das wyder Gott unnd seyn wortt ist, auch keynem dinge widerstrebett, das Gottes wortt mittbrengett und demselbigenn gemeß ist. Datum Eyßnach am 29. tag augusti 1554.

Zitiervorschlag

Jens Kunze, Amsdorf liest dem Rat die Leviten. Der ehemalige Magdeburger Pfarrer äußert sich zur neuen Kirchenordnung (1554), https://www.magdeburger-spuren.de/de/detailansicht.html?sig=403 (20.09.2020)

Erschließungsinformationen

Signatur
403
Datierung
29.08.1554
Systematik 1
05 Pfarreien, Klöster und Hospitäler der Altstadt
Systematik 2
Reformation
Fundort
Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden
Signatur Fundort
Sächsisches Staatsarchiv, 10024 Geheimer Rat (Geheimes Archiv), Loc. 08947/14, fol. 4v-5v.
Aktentitel
Magdeburger Kirchenordnung.
Beschreibung
Abschrift, dt., Tinte auf Papier.