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Magdeburger Spuren, Nr. 840

Rat und Innungsmeister der Stadt Magdeburg schreiben an den kurfürstlich sächsischen Befehlshaber in Wittenberg, dass sie ihre Stadtbefestigung verbessern wollen und daher das Ratsmitglied Heinrich Bohtzler und den Geschworenen Urban Borchardt nach Wittenberg geschickt haben, und bitten ihn, ihnen die Besichtigung der Festung Wittenberg zu erlauben, Magdeburg, 2. Februar 1547.

Die Quelle

Die Urkunde wird im Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar unter der Signatur „EGA, Reg. I, pag. 239-242 M Nr. 4, fol. 1r-1v“ aufbewahrt. Es handelt sich um einen Brief, der an den Befehlshaber der Festung Wittenberg gerichtet ist. Als Beschreibstoff diente Papier, das zusammengefaltet und mit einem aufgedrückten Siegel unter Papierabdeckung verschlossen wurde. Siegel und Papierabdeckung, die beim Öffnen zu entfernen waren, sind noch erhalten.

Der Brieftext auf der Vorderseite ist mit einer klaren, einheitlichen, zeittypischen Schrift verfasst. Eine Unterschrift fehlt; die Beglaubigung erfolgte nur durch das Siegel. Dabei handelt es sich um das Sekretsiegel der Stadt Magdeburg. Auf der Rückseite steht die Adresse. Hinzu kommen zwei nachträgliche Beschriftungen von anderer Hand: zum einen ein Inhaltsvermerk, zum anderen eine Datierung. Bei beiden Aufschriften handelt es sich um Kanzleivermerke, die nach der Archivierung des Briefs angebracht wurden.

Das Bitt- und Sendschreiben an den Wittenberger Festungskommandanten muss ursprünglich in Wittenberg eingegangen sein. Als die Ernestiner nach dem Verlust der sächsischen Kurwürde 1547 ihren Herrschaftsschwerpunkt nach Weimar verlegten, wird unter dem transferierten Verwaltungsschriftgut auch dieser Brief nach Weimar gekommen sein, möglicherweise auch erst im Zusammengang mit dem Naumburger Vertrag 1554, der den Ausgleich zwischen dem ernestinischen und der albertinischem Familienzweig besiegelte und neben einem Gebietstausch und Ausgleichszahlungen auch die Übergabe von Schriftgut vereinbarte. Im Weimarer Archiv wurde der Brief in das Ernestinische Gesamtarchiv (EGA) eingeordnet.

Der Hintergrund

Der Brief gehört in den Zusammenhang des Schmalkaldischen Krieges 1546/47. Weihnachten 1531 hatten sich die deutschen Reichsfürsten und Reichsstädte, die sich zur Reformation bekannten, auf Schloss Schmalkalden zu einem Bündnis zusammengeschlossen, da sie befürchten mussten, dass Kaiser Karl V. (1500–1558) militärisch gegen sie vorgehen würde. Das Bündnis richtete sich gegen die Religions- und Hegemonialpolitik des Kaisers, der seinerseits die Einheit der Kirche und des Reiches bedroht sah. Der Schmalkaldische Bund gewann unter seinen Anführern Kurfürst Johann Friedrich I. von Sachsen (1503–1554) und Landgraf Philipp von Hessen (1509–1567) zunehmend an Einfluss und Stärke und wagte militärische Vorstöße bis in den süd- und auch norddeutschen Raum. Dagegen blieb die 1538 in Nürnberg als Gegenspieler gegründete Katholische Liga weitgehend wirkungslos.

Als erste Stadt überhaupt hatte sich Magdeburg, das sich den Reichsstädten ebenbürtig fühlte, schon frühzeitig dem Schmalkaldischen Bund angeschlossen. Folgerichtig findet sich ihr Stadtwappen auf dem 1542 angefertigten Entwurf einer gemeinsamen Bundesfahne.

Als weder der sächsische Kurfürst noch der hessische Landgraf 1545 auf dem Konzil von Trient und auch nicht 1546 auf dem Reichstag zu Regensburg erschienen und Kaiser Karl daraufhin die Reichsacht über beide verhängte, brach im Sommer 1546 der Schmalkaldische Krieg aus. Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen fiel in das benachbarte albertinische Herzogtum Sachsen seines Vetters Moritz (1521–1553) ein und belagerte im beginnenden Winter den im mitteldeutschen Raum bedeutenden Messe- und Handelsplatz Leipzig. Die Belagerer mussten zwar im Frühjahr 1547 unverrichteter Dinge abziehen, aber offenbar schickten die Magdeburger unter dem Eindruck dieser Kriegsführung städtische Gesandte in das elbaufwärts gelegene Wittenberg, um sich dort die neuesten Festungsbaumethoden anzuschauen. Wittenberg war von Kurfürst Friedrich dem Weisen (1463–1525) zur bevorzugten Residenz erkoren und Schloss und Befestigungswerke entsprechend ausgebaut und erneuert worden. 1502 hatte Kurfürst Friedrich die Universität gegründet und Martin Luther als einen ihrer Professoren an die Leucorea geholt, der dann bis zu seinem Tod 1546 seinen Lebensmittelpunkt in Wittenberg hatte.

Bei den beiden Magdeburger Gesandten handelte es sich um den „Alten Rat“ Heinrich Bohtzler, der demnach im Vorjahr dem regierenden Rat angehört hatte, sowie den „geschworenen Büchsenschützen“ Urban Borchardt. Letzterer war womöglich ein vereidigter und besoldeter Stadtsoldat, der womöglich auch einige Kenntnisse im Festungsbau besaß, weshalb er die Wittenberger Anlagen in Augenschein nehmen sollte.

Im Frühjahr 1547 flackerten die Kampfhandlungen wieder auf. Der Kaiser, dessen Bruder Ferdinand I. (1503–1564), König von Böhmen, und Herzog Moritz von Sachsen hatten ihre Truppen bei Eger in Böhmen zusammengezogen, um nunmehr einen Feldzug gegen den Kurfürsten von Sachsen zu unternehmen. Zu Ostern brach das Söldnerheer aus ca. 23.000 Fußknechten und 6.300 Reitern unterschiedlicher Nationen auf. Kurfürst Johann Friedrich, der lediglich etwa 1.000 Reiter und 5.000 Fußknechte aufbieten konnte, versuchte in die gut befestigte Residenzstadt Wittenberg zu entkommen. Dem Befehlshaber der kaiserlichen Truppen, Fernando Álvarez de Toledo, Herzog von Alba (1507–1582), gelang am Morgen des 24. April bei Mühlberg an der Elbe ein Überraschungsangriff. Nach einer überstürzten Flucht musste sich der völlig überraschte Kurfürst am Abend des 24. April dem Kaiser ergeben. Kaiser Karl V. hatte den Schmalkaldischen Krieg für sich entschieden und war auf dem Höhepunkt seiner Macht. Der Schmalkaldische Bund löste sich faktisch auf.

Zu einer Belagerung Magdeburgs war es nicht mehr gekommen. Nach dem Sieg bei Mühlberg zog das kaiserliche Heer weiter in Richtung Wittenberg und schlug vor den Toren der Stadt ein Feldlager auf. Johann Friedrich musste unter Androhung der Todesstrafe am 19. Mai 1547 die Wittenberger Kapitulation unterzeichnen und den Verzicht der Kurwürde erklären. Das Todesurteil wurde später in ewige Gefangenschaft umgewandelt, aber die Kurwürde ging auf seinen Vetter aus der albertinischen Linie, Herzog Moritz, über, außerdem große Teile des ernestinischen Territoriums.

Dennoch war damit der Religionskonflikt nicht beendet. Das Augsburger Interim von 1548, das als Kompromisslösung gedacht war und den Lutheranern vorerst gewisse Glaubensfreiheiten zugestand, wurde von den protestantischen Ständen nicht akzeptiert. Auch Magdeburg verweigerte die Annahme, woraufhin Kaiser Karl V. die Reichsacht über Magdeburg verhängte. 1550 begannen Kurfürst Moritz von Sachsen und Kurfürst Johann von Brandenburg, die mit der Vollstreckung der Reichsacht beauftragt worden waren, mit der Belagerung Magdeburgs. Doch hielten die kürzlich modernisierten Befestigungswerke allen Angriffen stand.

Bedeutung der Quelle

Die Urkunde gibt einen Hinweis auf Magdeburgs Stellung im Schmalkaldischen Krieg. Der Schmalkaldische Krieg war der erste Religionskrieg auf deutschem Boden. Nachdem Kaiser Karl V. die Ambitionen des französischen Königs in die Schranken gewiesen hatte, wendete er sich wieder verstärkt den Konflikten im Deutschen Reich zu, wo die protestantischen Stände zunehmend an Einfluss gewannen, was dem katholischen Kaiser aus dem Haus Habsburg ein Dorn im Auge war, da er die Kircheneinheit auf Dauer bedroht sah. Schlichtungsversuche scheiterten, da die Anführer des Schmalkaldischen Bundes, Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen und Landgraf Philipp von Hessen, weder auf dem Konzil von Trient 1545 noch auf dem Reichstag zu Regensburg 1546 erschienen waren. Somit zeichnete sich eine militärische Auseinandersetzung ab, zumal der Schmalkaldische Bund bereits mehrere Feldzüge unternommen hatte.

Die Belagerung gut befestigter Städte war damals ein probates Mittel der Kriegstaktik. Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen hatte im Winter 1546/47 das bedeutende Leipzig vergeblich belagert.

Vor diesem Hintergrund ist die Bitte der Magdeburger zu verstehen, die Wittenberger Festungsanlagen besichtigen zu dürfen, die damals zu den modernsten Befestigungswerken gehörten.

Magdeburg hatte sich schon seit den 1520er Jahren für Luthers Ideen geöffnet und sich auch dem Schmalkaldischen Bund angeschlossen, worauf die Absender ausdrücklich verweisen („weil wir des christlichen Verständnis Mitverwandte“). Außerdem versprachen sich die Magdeburger von der Unterstützung der protestantischen Stände, die Stadtherrschaft des Erzbischofs endgültig abzuschütteln.

Die Unterstützung des „geborenen Kurfürsten“ Johann Friedrich von Sachsen hielt auch nach der Niederlage des Kurfürsten in der Schlacht bei Mühlberg 1547 und dem Wechsel der Kurwürde auf den Albertiner Moritz von Sachsen an, zumal Moritz auf der Seite des Kaisers stand. Als dieser 1550 zur Vollstreckung der über Magdeburg verhängten Reichsacht die Stadt belagerte, flammten die Vorbehalte erneut auf. In diesen Zusammenhang ist das in Magdeburg entstandene sog. „Schandgemälde wider Herzog Moritzen“ einzuordnen. Darin wird der Konflikt zwischen den beiden wettinischen Linien in das biblische Geschehen eingeordnet, wobei die Sympathien eindeutig verteilt sind. Während der „geborene Kurfürst“ Johann Friedrich mit den Propheten des Alten Testaments und sogar mit Christus verglichen wird, ist Moritz als Judas dargestellt. Tausende solcher Flugblätter sind in dieser Zeit entstanden und waren damals das modernste Mittel medialer Kriegsführung, auch wenn diese Schmähschrift besonders aufwendig gestaltet wurde. Das ist zugleich ein Hinweis auf die Existenz einer leistungsstarken Druckerei in Magdeburg. Tatsächlich hatte sich mit Michael Lotter ein Mitglied der bedeutendsten Buchdruckerfamilie im mittel- und norddeutschen Raum niedergelassen.

Weiterführende Literatur:

Lars-Arne Dannenberg, Matthias Donath (Hrsg.): Museum Mühlberg 1547. Essays und Katalog, Berlin 2016.

Christiane und Bernhard Mai: Magdeburg und die Entwicklung seiner Befestigungen, in: Guido von Büren, Andrea Tonert (Hrsg.): Technische und bauliche Aspekte der Festungs- und Belagerungsartillerie, Magdeburg 2022, S. 248-259.

Transkription

Unsern freunthlichen dinst zuvorn. Gestrengen, achtbarn und ernthvesten bszundern gunstigen guthenn freunde. Weill wyr itziger geschwinden zeitt und leuffte im wergk unser stadt zubefestigen und domitt wyr nicht vorgebeliche spildung [?] thun mochten, haben wyr die ersamen und vorsichtigen Heinrich Bohtzler, unsren alten rathsfreundt, und Urbann Borchardt, geschwohrn büchsenschüttzen, an euer gunste abegefertigett. Und bittenn freunthlich, weill wyr der cristlichenn vorstenthnisse mitteverwandte und dobey durch gotliche vorleyhunge zubleybenn gedengkenn, euer gunste wollen ihnen gestaten, das sie die festunge zu Wittenberg besichtigen und daraus erlernen mochtenn, domitt wyr alhie unser festunge deste sohrgklicher und bestendiger machten, auch vorgebelicher unkosten vorhütenn mochtenn. Euer gunste wollen sich hiemne, weyll es in keyne bosen meynunge geschiecht und man unserethalben nicht zubefahren günstigklichen erzeigenn. Das wollenn wyr freunthlich gerne verdinenn. Datum unter unser stadt secreth, Mittewochens Purificationis Marie virginis anno xlvii°

Rathmane und innungksmeister der altenstadt Magdeburgk

 

Rückvermerk:

[Adresse:]

Den gestrengen, achtbaren und ernthvesten churfurstlicher gnaden zue Sachssen etc. verordneten befehlshabern zue Wittenberg, unsren bsundern gunstigen guthen freunden.

 

[Kanzleivermerk darüber:]

Mitwochen purificationis Marie a[nno] [15]47. 4 Februari

 

[Kanzleivermerk am rechten Rand vertikal:]

Der rath zu Magdeburgk schickt an einen iren rathsfreund und einen büchsenmeister, die vestung Wittenbergk zu besichtigenn, darnach sie (asich in erbauunga) ire vestung auch zu achtenn haben.

 

(a-a) Ergänzung unter dem Vermerk.

Zitiervorschlag

Lars-Arne Dannenberg, Stadtpolitik in Kriegszeiten. Magdeburger inspizieren die verbündete Festung Wittenberg (1547), https://www.magdeburger-spuren.de/de/detailansicht.html?sig=840 (20.04.2024)

Erschließungsinformationen

Signatur
840
Datierung
02.02.1547
Systematik 1
"02.01.07.02 Schmalkaldischer Bund "
Systematik 2
Schmalkaldischer Bund
Fundort
Landesarchiv Thüringen - Hauptstaatsarchiv Weimar
Signatur Fundort
Landesarchiv Thüringen - Hauptstaatsarchiv Weimar, EGA, Reg. I, pag. 239-242 M Nr. 4, fol. 1r-1v
Umfang
2 Seiten
Aktentitel
Der Stadt Magdeburg Schrifften ann Sachßen, Heßen, der Einungs Verwandten Stande, Kriges Parthen und die Bevehl haben zu Wittenberg Inn Sachßenn, vornemlich des Churfürsten Land undt Leute belangende, als dieselben von Konig Ferdinand und Herzog Moritzen
Beschreibung
Brief mit aufgedrücktem Siegel, dt., Tinte auf Papier, Rückseite: Adresse und Kanzleivermerk (16. Jh.) sowie fehlerhafte Datierung
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